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Das Konzept "Thur+" des Kantons Thurgau

Hochwasserschutz

Der Kanton Thurgau hat ein Hochwasserschutzkonzept für die Thur ausgearbeitet. Wir begrüssen diesen Schritt, denn die Thur braucht dringend mehr Platz! Wir erwarten aber, dass nicht nur der Hochwasserschutz gewährleistet, sondern auch der Ökologie Rechnung getragen wird. Leider scheint beides mit dem aktuellen Konzept nicht der Fall zu sein.

Mehr Schutz vor Hochwassern

Wenn das Wasser über die Ufer tritt und Keller, Strassenabschnitte und ganze Dörfer flutet, sind die Kosten enorm. Ein griffiges Hochwasserschutzkonzept kann einen guten Schutz vor extremen Hochwassern bieten und so Schäden an Land, Häusern und Infrastruktur verhindern.

Wir begrüssen es, dass die Sicherheit für AnwohnerInnen durch das neue Konzept verbessert wird. Es ist dabei aber dringend nötig, die Thur so viel möglich aufzuweiten, das heisst zu verbreitern. Nur dann kann viel Wasser bei Unwettern schadlos abgeführt werden.

Der Hochwasserschutz lässt sich mit den vorgesehenen Massnahmen nicht langfristig sicherstellen.

Mit dem vorliegenden Konzept ist es fraglich, ob der Hochwasserschutz wirklich langfristig gewährleistet werden kann. Aufgrund fehlerhafter Annahmen und Modellrechnungen, kann nicht vorhergesehen werden, wie sich die Morphologie (das Flussbett, die Uferbereiche etc.) der Thur mittel- bis langfristig wirklich entwickeln wird und ob die geplanten Hochwasserschutzmassnahmen ausreichen.

So wurde z.B. für die Berechnungen zum Geschiebehaushalt (Geschiebe = vom Fluss mittransportierter Sand, Kies, Steine) mit einem Geschiebeeintrag von jährlich 3'500 m3 gerechnet. Der tatsächliche Wert dürfte jedoch laut Wasserbauexperten rund viermal höher liegen. Es muss also davon ausgegangen werden, dass in der Realität wesentlich mehr Material transportiert und abgelagert wird. Dieses zusätzliche Gesteinsmaterial kann dazu führen, dass sich die Flusssohle (der Grund des Flusses) über die Zeit stärker als erwartet anhebt. Wenn dann ein Hochwasser kommt, steigt der Wasserspiegel womöglich deutlich höher als prognostiziert und das wiederum wird dann natürlich zum Problem für den Hochwasserschutz.

Beurteilung des Konzepts bezüglich Sicherheit:

schlecht sehr gut

Mehr Natur

Der Bund beauftragt die Kantone, Hochwasserschutzkonzepte für ihre Gewässer auszuarbeiten. Das Gesetz fordert, dass diese Konzepte die Bevölkerung nicht nur effektiv vor Hochwassern schützen, sondern auch die Flüsse ökologisch aufwerten. Die Verbreiterung des Flussbetts ist dabei zentral. Denn so wird mehr Platz für Tiere und Pflanzen geschaffen und die einheimische Artenvielfalt gefördert. Heute ist der Lebensraum stark eingeschränkt und die Artenvielfalt tief. Deshalb sind Verbesserungen im Prinzip einfach zu erreichen. Doch gilt auch hier: Das vorhandene Potential muss unbedingt ausgeschöpft werden.

Das vorliegende Konzept genügt aus ökologischer Sicht nicht.

Das vorhandene Potenzial zur ökologischen Aufwertung der Thur wird ungenügend genutzt. Damit sich die Thur wirklich wieder dynamisch entwickeln kann, bräuchte sie insgesamt einfach mehr Platz. Nur so entstehen wieder vielfältige Flussauen mit Seitengerinnen, Kies- und Sandbänken sowie Aueninseln und Uferwäldern, welche einer Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten ein Zuhause sein können.

Ursprünglicher Thurverlauf bei Frauenfeld, mit eingezeichneten Gerinnebreiten (Sulzbergerkarte von 1837, 1:25'000)
Auf den historischen Karten sieht man schön, dass die Thur auf diesem Abschnitt einst bis zu 400 m breit war.
Nur wenn ihr wieder genügend Raum gewährt wird, können sich die charakteristischen Flussstrukturen (Inseln, Seitenarme etc.) wieder ausbilden.

Zu kleine Gewässerräume

Der Gewässerraum soll gemäss Gewässerschutzgesetz drei zentrale Aufgaben erfüllen:

  • Die Gewährleistung der natürlichen Funktionen eines Gewässers (Lebensraum für Tiere und Pflanzen)
  • Den Schutz vor Hochwasser
  • Die Gewässernutzung.

Leider wird der der Thur mit diesem Konzept der dafür nötige Raum nicht zugestanden. Mit dem Konzept Thur+ wird der Gewässerraum insgesamt zu klein ausgeschieden, zuweilen deutlich. Vergleicht man den Gewässerraum des Konzepts Thur+ mit dem Gewässerraum, welchen man gemäss der Arbeitshilfe vom Bund ausscheiden müsste, so fällt dieser zum Teil bis zu 170 m kleiner aus. Damit fehlt der Thur in gewissen Abschnitten ganz einfach der Raum, um sich eigendynamisch entwickeln zu können. Bei den vorgesehenen Breiten werden sich die erhofften natürlichen Strukturen einer Flussaue (Inseln, Kiesbänke, Seitenarme etc.) nicht oder nur sehr begrenzt ausbilden können. Genau diese Strukturen wären aber enorm wichtig als Lebensräume für die unterschiedlichen Tiere und Pflanzen einer Flussaue.

Unnötige Begrenzungslinien

Desweiteren sieht der Kanton innerhalb des Gewässerraums sogenannte "Reaktionslinien" vor. Diese Reaktionslinien schränken den ohnehin schon engen Raum für die Thur zusätzlich weiter ein. Denn bei ihnen gilt: hier gehts nicht weiter für die Thur! Sobald die Thur bis zu diesen Linien gelangt, wird ihre weitere Ausdehnung durch bauliche Massnahmen gestoppt. Der ganze Raum hinter den Reaktionslinien steht ihr also faktisch gar nicht mehr zur Verfügung. Der Grundsatz «der gesamte Raum zwischen den bestehenden Aussendämmen gehört der Thur» wird klar gebrochen. Da diese Reaktionslinien immer weit vorgelagert sind (jeweils 30 m links und rechts), fehlen ihr dadurch im Querschnitt weitere 60 m für ihre eigendynamische Entwicklung.

Durch die weit vorgelagerten Reaktionslinien wir der Raum der Thur unnötig stark eingeschränkt. Die gewünschten Revitalisierungen werden so weitestgehend ausbleiben.

Unzulässige Gewässerraumfestlegung in Raten

Die ausgeschiedenen Gewässerräume sind nicht nur an vielen Orten zu klein, es ist zudem fraglich, ob sie je angewendet werden. Vorerst will der Kanton die Gewässerräume pauschal auf ein Minimum von beidseitig 15 Metern reduzieren und grundeigentümerverbindlich festlegen. Erst wenn zukünftig Revitalisierungen an einzelnen Gewässerabschnitten erfolgen, will der Kanton diesen Raum je nach Bedarf wieder verbreitern – und hierzu bereits festgelegte Eigentumsrechte neu verhandeln. Dieses Vorgehen widerspricht den Bundesgesetzen für Gewässerschutz und Raumplanung und würde in der Praxis zu grossen Konflikten führen. Rechts- und Planungssicherheit sind damit nicht gegeben.

Zu eng für Auenlebensräume

Die Wiederanbindung der vorhandenen Auengebiete nationaler Bedeutung ist Pflicht, so will es das Gesetz. Gemäss Auenverordnung gilt es, solche Gebiete bei jeder sich bietenden Gelegenheit aufzuwerten.

Auf dem betroffenen Thur-Abschnitt sind sechs solcher Auengebiete verzeichnet. "Ghöggerhütte" und "Unteres Ghögg" oberhalb Bischofszell, "Wyden" bei Pfyn, "Hau-Äuli" und "Wuer" bei Frauenfeld und das "Schäffäuli" bei Niederneunforn. Sie weisen insgesamt eine Länge von rund 12 km und eine Fläche von 411 ha auf. Dabei liegt das grösste ökologische Potential auf dem Abschnitt Niederneunforn bis Hasli. Auf dieser Strecke liegen vier der Auen, mit einer Gesamtlänge von 10.2 km. Durch Aufweitungen in den Teilstrecken zwischen den um die Murgmündung verteilten Auen könnte ein grosser ökologischer Hotspot von 16 km Länge erreicht werden.

Leider wird diese Chance verpasst. Durch wiederum zu eng gesetzte Reaktionslinien können nur etwa die Hälfte (6.7 km) der dreizehn Auenkilometern tatsächlich wieder angebunden und revitalisiert werden. Der gesetzliche Auftrag zur Aufwertung bestehender Auengebiete wird nicht erfüllt.

Solche vielfältigen Auenlebensräume wie hier im Schäffäuli bräuchte es dringend mehr entlang der Thur.

Beurteilung des Konzepts bezüglich Ökologie:

schlecht sehr gut

Eine Jahrhundertchance nutzen

Der Kanton Thurgau legt nun mit seinem Hochwasserschutzkonzept Thur+ ein Konzept vor, das die Zukunft der Thur für die nächsten Jahrzehnte definieren wird. Einen Fluss umzubauen, ist ein Jahrhundertprojekt. Deshalb ist dieses Hochwasserschutzprojekt eine einzigartige Chance, die wir uns nicht entgehen lassen dürfen. Gewährt man der Thur insgesamt wieder mehr Raum, kann sowohl die Hochwassersicherheit als auch die Ökologie gefördert werden - und es entstehen obendrein noch neue attraktive Naherholungsgebiete für die AnwohnerInnen. Eine Win-Win-Situation also, die man unbedingt nutzen muss.

Diese Chance wird mit dem aktuellen Konzept vertan. Es gilt deshalb dringend nochmal nachzubessern!

Die IG fordert aus all den oben genannten Gründen den Kanton dazu auf, das Konzept nochmal zu überarbeiten und auf solide Grundlagen zu stellen. Die Gewässerräume müssen ausreichend gross bemessen werden, damit die Hochwassersicherheit gewährleistet und das heute noch verbliebene Revitalisierungspotential ausgeschöpft werden kann. Die sich bietende Jahrhundertchance für eine sichere und lebendige Thur muss zwingend genutzt werden.

Gesamtbeurteilung des Konzepts Thur+:

schlecht sehr gut

Hier gehts zur detaillierten Stellungnahme der IG Lebendige Thur:


Deine Meinung zählt!

Während drei Monaten sammelt der Kanton Thurgau Feedbacks zu seinem Vorschlag des Hochwasserschutzkonzeptes Thur+. Diese Vernehmlassungsphase ist öffentlich, das heisst: Jede Meinung zählt. Je mehr Thurgauerinnen und Thurgauer ein ökologisch wertvolles Hochwasserschutzkonzept vom Kanton einfordern, desto mehr werden diese Stimmen gehört.

Hilf mit und fordere gemeinsam mit uns ein ökologischeres Konzept vom Kanton:


Das Problem heute: Ein eingezwängter Fluss

Die Thur ist heute an den meisten Stellen künstlich begradigt. Der einstige Wildbach wird so in ein schmales Bett gezwängt, extreme Hochwasser können einfach über die Ufer treten. Wertvolle Lebensräume für einheimische Tiere und Pflanzen gingen verloren, gut 70% der Auenwälder wurden zerstört. Auch wir Menschen haben weniger von unserer Thur: Mit den hart verbauten Ufern wurde der Fluss unzugänglich und unser Naherholungsgebiet beschränkt sich auf ein paar wenige Stellen.

Eine schnurgerade Thur ist weder sicher noch ökologisch.
Extremes Hochwasser kann nicht ausweichen und tritt über die Ufer.
Lebensräume für einheimische Tiere und Pflanzen sind praktisch nicht mehr vorhanden.
Hindernisse schränken die Wanderung flussauf und flussab ein.

Unser 10-Punkte-Plan für eine lebendige Thur

Bereits 2018 haben wir von einem Fachbüro eine Potentialstudie für den unteren Thurabschnitt erarbeiten lassen. Die Studie hat die heutigen Defizite mit dem ursprünglichen, natürlichen Zustand der Thur verglichen und daraus Aufwertungsmassnahmen entwickelt. Die Studie macht deutlich, was der Thur heute fehlt – nämlich Raum und Strukturvielfalt. Sie zeigt aber auch schön auf, dass zum Glück nach wie vor ein grosses Aufwertungspotenzial vorhanden ist. Sie schlägt Wege vor, wie dieses Potential im Rahmen der heutigen Rahmenbedingungen durch geeignete und machbare Massnahmen wieder aktiviert werden könnte.

Auf deren Basis haben wir einen 10-Punkte-Plan für eine lebendige Thur der Zukunft entwickelt: